Ihr Blick wandert zum Horizont und zeichnet die feine Linie zwischen dem großen weiten Pazifik und dem Himmel nach. Eine graublaue Linie verschmilzt mit dem Abendhimmel. Durch die Wolken bricht die Sonne und erleuchtet diesen magischen Augenblick. Die goldenen Strahlen werden zu Sternen, die auf dem Meer glitzernd tanzen.
Margarete prägt sich diesen erhabenen Moment ein. Es ist das perfekte Sinnbild des Geistes, der die scheinbaren Begrenzungen von Himmel und Erde transzendiert.
In den letzten Monaten war ihr Gefühl der Auflösung aller Gewissheiten, Pläne und einstigen Absichten übermäßig stark geworden. Diese Grenze zwischen Wirklichkeit und Imagination wurde dünner und durchsichtiger, ein Vorhang aus milchweißem Nebel, der alles verschwimmen lässt.
Vor ihrem inneren Auge erscheint das Bild einer Seefahrerin ohne Karte und Sextant auf den Weltmeeren unterwegs. Sie fühlt sich völlig verloren. Margarete hat aus unzähligen Innenweltreisen gelernt, dass ihre Seele Hinwendung braucht. Dankbaren Herzens nimmt sie die Einladung an.
Im nächsten Moment wird Margarete schwindelig. Sie muss sich hinlegen, sogleich werden die inneren Bilder lebendiger und intensiver. Es bleibt ihr noch der Gedanke sich von ihrem Atemstrom sanft tragen zu lassen, dann ergreift sie eine Welle der Erinnerung.
Als sie die Augen öffnet, steht sie auf dem Deck eines Segelschiffes. Ihr Blick wandert suchend über die Meeresoberfläche ohne zu wissen, nach was sie eigentlich Ausschau hält. Das Gefühl dieser inneren Leere ist wohltuend und bedrohlich zugleich. Als das Schiff wenig später in der Nähe eines Korallenriffs den Anker wirft, ist sie glücklich.
Die große innere Leere dauert nun schon Jahre an. Langsam hat sie sich damit angefreundet.
Sie ist kurz davor von Bord zu gehen, als in ihr der Drang aufsteigt, sich einen Taucheranzug anzuziehen. Margarete folgt ihrer Intuition. Wenig später lässt sich mit Taucherbrille und Schnorchel ins kühle Meereswasser gleiten. Sie liebt diese zweite Haut und ist begeistert über die Schwerelosigkeit. Sie fühlt sich mit dem Anzug wie ein Wasserwesen. Sie holt Luft und taucht in den Pazifik ein.
Unter Wasser ergreift sie die Begeisterung über die Meereswelten, ihre Bewohner und das ganz eigene Universum, das immer da ist. Man muss nur eintauchen. Immer wieder holt sie Luft, gleitet hinunter, um das Riff zu erkunden und die bunten Schuppenwesen zu begrüßen. Was für eine grandiose Erfahrung, denkt sie noch, dann ergreift sie ein Strudel und zieht sie hinab. Zuerst steigt Panik in ihr auf, doch ihre innere Stimme raunt ihr zu:
Lass los – du kannst atmen.
Im Traum ist es mir schon oft geschehen, dass ich erst denke, ich ertrinke und dann atme ich unter Wasser. Hinter meinen Ohren haben sich Kiemen geöffnet. Ich sinke tiefer ins dunkle Blau, wissend, dass sich Wurmlöcher nicht nur im Universum, sondern auch unter Wasser befinden.
Die Tiefsee mit ihren Geheimnissen hat mich schon immer fasziniert. In der Dunkelheit erblicke ich aus sich heraus leuchtende schillernde Meereswesen.
Als ich mich umsehe und mich weiter durch die Tiefe gleiten lasse, fühle ich, dass sich mein Taucheranzug in eine zweite schuppenartige Haut verwandelt hat. Ich werde zu einem Zwitterwesen, halb Mensch, halb Fisch, bewege mich in schlangenartigen Bewegungen durch das Wasser.
Ich nähere mich einer Höhle. Dort blinzelt aus großen goldgelben Augen ein seltsames Wesen. Langsam kommt es hervor. Erst stockt mir der Atem, denn der Kopf sieht aus wie der eines Drachens.
Irgendwie ahne ich schon lange, dass ein mythisches Wesen auf die Begegnung mit mir wartet. Seine Schuppen schimmern blaugrün. Als er sich langsam und bedächtig aus der Höhle schlängelt, scheint er mich beruhigen zu wollen.
Unser Blickkontakt ist intensiv, hypnotisierend und durchdringend.
Ich höre ihn sanft sprechen: Amaru ist mein Name. Ich möchte dir meine Geschichte erzählen.
Lange vor deiner Zeit – oder genauer: in einer anderen Zeitlinie – sind alle dimensionslosen Wesen, jene ewigen Seinsformen jenseits von Raum und Zeit, die heute in eurer materialistisch geprägten Welt nur noch in Märchen und Mythen vorkommen, von den dunklen Mächten in einen hypnotischen Schlaf versetzt worden.
Mit jedem, der sich an uns erinnert, wächst unsere Kraft. Mit jeder Seele, die uns in seine Welt einlädt, gewinnen wir in eurer Zeitlinie an Form und werden wahrnehmbarer.
Doch jetzt, wo viele Menschenwesen aus dem ewigen Vergessen aufwachen, werden wir immer öfter entdeckt.
Der Riesenoktopus, von dem vor vielen Jahrhunderten eure Seefahrer erzählten, existiert wirklich. Die Yedis, die in den Bergen gesehen wurden, die Bigfoots, von denen eure Indianer erzählen und natürlich eure Sternengeschwister, die ihr als Außerirdische bezeichnet.
Ich schaue Amaru in seine goldgelben Augen, während er weiter erzählt: Der Schleier lüftet sich. Dein Bewusstsein verbindet sich intuitiv mit der Kristallbibliothek und aktiviert das Wissen, um Multidimensionalität. Aus dieser Quelle entsteht diese Geschichte.
Iris, ist die Göttin des Regenbogens schreibt.
Durch dich und deine Erzählungen können wir vergessenen Seinsformen wieder in die sichtbare Welt zurückbringen. Es ist eine Bewusstseinsbrücke, die du gerade mit deinen Worten baust.
Ich fühle bei Amarus Worten, dass ein Teil von mir, dieses Wesen ist. Und am nächsten Morgen weiß ich es.
Amaru bin ich – in einer anderen Zeitlinie.
Und vielleicht erinnerst auch du dich.
