Gaudienz = Freude in Farbe

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Als die kühlen Winde in Eldoria Einzug halten, spürt Margarete das Verlangen, sich mit der Beziehung zu Farben und ihren Werken zu beschäftigen. Seit jeher sind ihre Werke ein Spiegel ihrer Seele, doch in den letzten Jahren hat das Malen intensiver auf ihre Stimmung gewirkt — die Farben sind körperlich spürbar geworden.


Vor Jahrhunderten haben Künstler Edelsteine vermahlen, um ihre Ölfarben herzustellen. Diese Preziosen sind unter sehr hohem Druck tief im Inneren der Erde entstanden. Es sind lebendige Wesenheiten, die ein Kristallgitter in sich tragen, welches des weiteren verantwortlich ist für die Farbigkeit. Wenn das Licht sich durch mineralische Beimengungen wie Eisen und Titan bricht, leuchten die Edelsteine in pulsierenden Blautönen und feurigen Rottönen. Für Margarete sind diese Farben keine bloßen Pigmente, sondern beseelte Entitäten, die aus derselben Ur-Quelle stammen wie alles auf dem Planeten.


Nun, nachdem sie großformatige Seelenbilder geschaffen hat, deren vibrierende Kraft sie selbst bei einer Ausstellung in den Dünen Eldorias beeindruckt, entsteht in ihr eine Notwendigkeit, ihrem Schaffen einen Namen zu geben — eine Art Taufe. Doch es war erst eine Virusgrippe nötig, damit sich dieser Prozess in ihr kristallisieren konnte. Gefangen in Fieberträumen und abgrundtiefer Erschöpfung kehrt sie zu ihrem Atemstrom zurück, immer und immer wieder — diesen stillen Anker im Sturm der Gedanken — und beginnt zu verstehen.

„Gaudienz“ nennt sie diese freudvolle Energie, die ihren Pinsel leitet: eine Verbindung aus *Gaudium* — lateinisch = Freude — und *Audience* (dem Betrachter) sowie *Resonance*.

Ihre Werke sollen mehr sein als Bilder; sie sind Einladung und Brücke zu einem Feld der Kohärenz, ein Erfahrungsraum lebendiger Innenwelten, in denen Farben und Formen als Wesen emotional berühren. Als sie zur Etymologie des Wortes Farbe gelangt, wird es noch deutlicher: Das Wort Farbe bedeutet ursprünglich Gestalt, was sehr nah an ihrer Wahrnehmung ist, dass es Entitäten sind.

In diesen Wochen forscht Margarete zur besten Grundierung für Gold. Bislang hat sie weder Zinnoberrot noch Schwarz für ihre Gaudienz-Bilder verwendet. Es sind genau diese beiden Farben, die sich als tragfähig zeigen. Sie muss lächeln, denn weder Rot noch Schwarz fanden bislang ihren Weg auf ihre Palette.

Wer kennt nicht besser als sie selbst die Bedeutung dieser intensiven Schwingungen: der alchemistische Prozess der nigredo, die dunkelsten Nächte der Seele, das Erleben von abgrundtiefer kalter einsamer Schwärze—und danach die Wiedergeburt ins Leben, dessen stärkster biologischer Ausdruck das warme Blut ist, das pulsierende Leben. Atmend wird der Prozess zu Gold.

Dieser erste Schritt ist das intuitive Bekritzeln des Untergrundes —reine Energie, frei von Konzepten.
Der Stift gleitet leicht und beschwingt über die raue Fläche, manchmal Karton, Papier oder Leinwand.

Häufig entstehen Formen und Wesenheiten, die sich erst nach längerem Betrachten offenbaren. Intuitives Gestalten. Ein wundervoller Prozess.

Dann verwendet sie zum ersten Mal Zinnoberrot.
Die Energie dieser roten Wesenheit wird spürbar.

Beim Auftragen breitet sich etwas in Margarete aus:
Loderndes Feuer.
Pulsierendes Blut in den Adern.
Lebensenergie in den Zellen.

Ihre Abneigung gegen Rot beginnt zu weichen, als sich Gold sanft darüber legt. Es leuchtet und erfüllt sie mit seinem Strahlen.

Die Freude führt den Pinsel. Innerlich rezitiet sie das Babaji-Mantra. All das fließt energetisch auf die Leinwand — eine Trägersubstanz resonierender innerer Prozesse.

Zinnoberrot hält Margarete im Bann.
Harmonische Kreise entstehen wie von selbst.
Runde Formen — der Pinsel übersetzt Energie.

Das Gold trägt sie darüber in großen leichten Kreisbewegungen auf.

Dann entsteht in ihr eine stille Bereitschaft: nigredo.
Zum ersten Mal berührt sie schwarz.

Der Kontrast ist radikal.
Tiefe öffnet sich — wie ein immenser abgrundtiefer Krater in ihrem Inneren.

Sie fällt.
Tiefer.
Und tiefer.

Zeit und Raum beginnen zu schwinden.

Sie sieht eine junge, elegante Frau, fließender Stoff umhüllt ihren Körper, sie hantiert in einem alchemistischen Labor. In den Kolben blubbert es, rauchige Schwaden durchziehen die Gewölbe.

Gefäße, Feuer, der Stein der Weisen. Wortfetzen rasen durch ihren Geist.
Über nigredo und rubedo.
Über Wandlung.
Über das Innere.

Dann speit sie das Schwarz aus.
Wird ins intensive Blutrot gesogen.

Momente später ist Margarete zurück und steht vor ihrer Staffelei. Es hat sich das tiefe Erleben und Erfahren ihrer intuitiven Seelenbilder auf einer anderen Ebene eröffnet: Transmutationswellen, die bereit sind die Betrachtenden zu berühren und zu wandeln.

Wie bei ihren Klangwolken auf der Harfe, die jenseits von Worten Erlebnisräume schaffen, will sie mit Gaudienz eine lebensbejahende Schöpferkraft sichtbar machen — einen lebendigen Dialog zwischen Innenwelt, Schwingung und Resonanz.

Neumond im April 2026. Warme Luft streift ihre Haut, und etwas Neues beginnt — ein Weg mit dem Geist des All-Lichtes, geboren aus Freude, Inspiration und dem Zauber der Farben. Margarete lächelt.

#Gaudienz ist erwacht.

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