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Wenn der Schmerzkörper Lieblingsmenschen in Monster verwandelt

Seltsamerweise verwandeln sich manchmal Lieblingsmenschen nach Trennungen in Monster und schlimmste Gesellen. Wie ist das möglich, dass all das, was uns einst angeblich verbunden hat, verschwunden sein soll? War es je vorhanden, oder vielleicht nur eine Projektion meiner innersten Wünsche und Träume?

Wie steht es mit den Jahren, die gut verlaufen sind, den gemeinsamen Erinnerungen und Erfahrungen, die mich mit den Menschen verbinden?

Mir ist aufgefallen, dass ich bei Freunden vieles akzeptiere oder darüber hinwegschaue, was ich bei anderen, die nicht zum Kreise der Auserwählten gehören, unmöglich finde. Das Feind- Freundschema, das ich in mir trage, empfinde ich recht kurios. Die Enge meiner Ich-Welt ist erschreckend, wenn ich bedenke, dass das Liebesprinzip für mich nicht exklusiv ist, sondern Liebe als schöpferische Energie universell ist. Was ich empfinde und empfunden habe, ist noch da, selbst wenn sich meine eigenen Wünsche und Träume bezogen auf die Person oder die Situation aufgelöst haben, was einen Teil in mir unendlich schmerzt.

Langsam begreife ich, dass Schmerz genauso universell ist, jeder trägt eine gehörige Portion davon in sich. Es ist ein Wesen, das darauf lauert, gefüttert zu werden. Eckart Tolle nennt es den inneren Schmerzkörper und solange er aktiv ist und ich unbewusst bin, hat er das Ruder in der Hand. Es ist eine Wesenheit, die viele von uns völlig in der Hand hat, weil uns niemand lehrt, den inneren energetischen Körper zu fühlen, sich mit ihm zu verbinden, damit wir in der Gegenwart bleiben und nicht unseren Leidensgeschichten auf den Leim gehen. Schmerzliche Erfahrungen speisen sich aus der Vergangenheit, sie warten darauf einen Auslöser im Jetzt zu finden, um ein Drama zu inszenieren und Feinde und böse Menschen zu definieren, die dann für unser Leid verantwortlich sind.

In mir fühle ich seit jeher einen unterirdischen Vulkan brodeln, vor dem ich ungeheure Angst, nein mehr noch – vor diesem Schmerzkörper bestehend aus Traumata – habe ich Panik. Der Angst vor dem Leben begegne ich mit Anhäufung von Fertigkeiten und Wissen aus allen möglichen Gebieten, in dem unmöglichen Versuch die Kontrolle zu bewahren und irgendeine Sicherheit in mir zu finden, ewig innerlich getrieben von dem Wunsch mein seelisches Leid und den Lebensschmerz zu heilen. Für eine Hoffnung auf Heilung bin ich viel gereist und habe alles ausprobiert, was Linderung versprach: seien es die Schamanen in Mexiko, die Heiler auf Bali, die Oneness University in Indien, all die begabten Heiler, Ärzte und Therapeuten, denen ich in über 25 Jahren begegnet bin. Aber, in Megakrisen habe ich keinerlei Kraft in der Gegenwart zu bleiben, es ist fast unmöglich Menschen zu begegnen ohne Konfrontationen zu erleben, die Angst vor weiterem Schmerz lähmt mich, gleichzeitig giert der Schmerzkörper nach Futter.

Es ist mir mit aktivem Schmerzkörper unmöglich meditative oder mystische Übungen durchzuführen, was mich unsäglich traurig macht – nach den vielen Jahren des Glaubens daran, es habe sich etwas geändert durch all die Selbsterfahrungsseminare – scheinbar umsonst.

Die vermeintliche Schutzhülle aus Wissen und innerseelischen Fertigkeiten, die meine Traumata umgibt, ist mit der Eruption des inneren Vulkans in einer Lebenskrise gebrochen. Schutt und Asche bedecken mein Leben, der Verlust jeglicher Beziehungen und das Gefühl keinerlei innere Ressourcen zu haben, werfen mich zurück in die Höhle des inneren Grauens in einer nie gekannten Intensität. Wenn meine Vierbeiner nicht gewesen wären, ich weiß nicht, ob ich noch hier wäre. Sie verbinden mich mit der Lebenskraft, ihre Liebe heilt zusammen mit der Zeit, die alle Wunden heilt.

Die Kraft der Natur mit meinen vierbeinigen Seelengefährten zu erleben, sowie Geduld und Zärtlichkeit für mich zu entwickeln, das ist die beste Medizin für mich. Ich bin der Worte müde geworden, warum, weshalb und was, wozu geführt hat, ist heute völlig irrelevant für mich. Bewusstes Atmen und den Kommentator im Kopf freundlich auf seinen Platz verweisen, das ist für mich die tägliche hilfreiche „Pille“.

Zusammen mit der wachsenden Lebenskraft gelingt es mir mehr und mehr im Jetzt zu verweilen und die Pausen zwischen den Gedanken auszudehnen. Es gleicht einem Wunder für mich – dank der Bücher von Eckart Tolle und Pema Chödrön – plus viel Übung und ganz viel Geduld und Liebe mit mir selbst. Ich bin dem Vulkanausbruch mittlerweile dankbar, der Schutzpanzer ließ mich das Leben nicht spüren, ich war mit großen Scheuklappen unterwegs und eingeschlossen in meinen fixen Vorstellungen vom Leben.

Im intensiven Schauen von Blättern und Blüten, im Fühlen von Fell und dem bewussten Atmen gelingt mir das Zurück kommen mal mehr mal weniger. Es ist ein stetiger Lernprozess, der das ganze Leben andauert. Wie das Ein- und Ausatmen lerne ich beide Seiten des Gelingens und Nichtgelingens wohlwollend anzunehmen. Meine Tendenz nur das Gute und Positive zu loben schwindet. Wenn es mir heute mir heute gelungen ist, mein Tun kaum zu kommentieren oder mich nicht fertig zu machen und es mir morgen gar nicht gelingt, dann fühle ich mich nicht mehr „schlecht“, sondern als eingefleischte Dauermeckertante gilt es vor allem das Nichtgelingen und das eigene Versagen zärtlich anzunehmen. Für mich ist das ein Schlüsselerlebnis bei all der allgemeinen Fixiertheit auf Glück, Selbstoptimierung und der Erfüllung eigener Wünsche.

Allen Wesen gute Wünsche zu senden, hilft mir definitiv dabei meinen Ichzaun zu erweitern. Es dauert seine Zeit bis sich meine inneren Programme ändern. Pema beschreibt diesen Weg der Kriegerin des Mitgefühls für sich selbst und alle anderen Wesen als einen Eingriff in die DNS, was ich nur bestätigen kann.

Zurück zu den Lieblingsmenschen: manchmal spüre ich fast eine Art Gleichgültigkeit, mir fehlen die passenden Worte dafür – Gleichmut – gegenüber einst so wichtigen Lieblingsmenschen. Jedenfalls lockert sich die Einteilung in Lieblingsmenschen und andere, nicht beständig – das wäre gelogen – aber es gibt eine Lücke kurz bevor der innere Kommentator beurteilt. Aktiviere ich den inneren Energiekörper, dann spüre ich das zeitlosen Wesen in mir und das Ego hat keine Chance zu „benennen“.

Es atmet, lächelt und übt freundlich weiter als sei ich ein Sprössling, der gerade aus der Erde lugt und der gehegt und gepflegt werden will, wie alle anderen Wesen auch, die den gleichen Mist erleben, wie ich auch.

Möge die Kraft des Frühlings uns inspirieren dem ewigen Wesen in uns einen Garten zu bereiten, um allem Lebendigen mit Wohlwollen zu begegnen.

 

 

 

 

 

 

 

Published inBewusstseinDepressionLebenskriseLebenskunstSchmerzkörperTrauma

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